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  • Corina Lendfers

Fehler: Fluch oder Segen?



Alltag ohne Fehler ist unwahrscheinlich, ein Leben ohne Fehler ausgeschlossen. Glauben wir. Doch stimmt das auch? Und falls es so ist, wie gehen wir damit um?


Was ist ein Fehler überhaupt? Unter Fehler versteht man ein falsches Verhalten, etwas, das falsch ist oder nicht perfekt.


Intuitiv lernen wir das schon sehr früh, meist noch, bevor wir überhaupt sprechen können. Die Menschen, bei deinen wir als kleine Kinder aufwachsen, zeigen uns durch ihre Worte oder ihr Verhalten, ob das, was wir tun, richtig oder falsch ist. Dabei handelt es sich in der frühen Kindheit hauptsächlich darum, ob wir uns so verhalten, wie es von uns erwartet wird.


Ob wir uns richtig oder falsch verhalten, steht immer im Zusammenhang mit der Erfüllung von Erwartungen.

Diese Erwartungen unterscheiden sich je nach Familie, Milieu, Land und Kultur. Da eines unserer Grundbedürfnisse Zugehörigkeit ist, lernen wir sehr schnell, die an uns gestellten Erwartungen zu erfüllen, um nicht ausgeschlossen oder auf andere Weise bestraft zu werden. Wir entwickeln ein feines Gespür dafür, was richtiges oder falsches Verhalten ist.


In der Schule kommt dann eine neue Fehlerdimension dazu: Fehler in der Leistung, die wir erbringen. Nun kann es falsch sein, wie wir ein Wort schreiben oder eine Rechnung lösen. Wir werden ab sofort daran gemessen, wie gut wir darin sind, Fehler zu vermeiden. Die Konsequenz, falls wir einen Fehler machen, ist jene, die wir bereits verinnerlicht haben: wir werden dafür bestraft. Auf direktem Weg durch eine schlechtere Note, indirekt durch weniger Anerkennung durch den Lehrer und oft auch durch die Mitschüler:innen.


Noten in der Schule geben darüber Auskunft, wie gut wir in der Lage sind, Fehler zu vermeiden.

Damit haben wir eine wichtige Lektion gelernt: Fehler sind etwas Schlechtes. Und darum bemühen wir uns oft unser ganzes Leben lang, sie zu vermeiden. Wir verhalten uns so, als ob wir durch ein Minenfeld laufen würden: Der Atem flach, die Schultern hochgezogen, die Augen weit geöffnet und der Blick auf den Boden gerichtet, um ja nicht auf eine Mine zu treten resp. einen Fehler zu machen. Und genauso, wie wir bei einem Lauf durchs Minenfeld nicht in der Lage sind, die Schönheit und Fülle der Natur wahrzunehmen, genausowenig können wir uns vertrauensvoll aufs Leben einlassen, wenn wir uns ständig darum bemühen, keinen Fehler zu machen.


Wie wäre es, wenn wir uns die ganze Sache mit den Fehlern einmal genauer anschauen? Mit den objektiv messbaren Fehlern müssen wir leben. 5+5 gibt nun einmal 10, daran kann auch eine entspannte Einstellung nichts ändern. Und wenn wir in einem Beruf tätig sind, in der exakt und mit hoher Präzision gearbeitet werden muss, kommen wir oft auch nicht darum herum, uns ähnlich wie in einem Minenfeld zu bewegen. Davon abgesehen gibt es aber eine riesengroße Spielwiese, in der keine Minen liegen. In der Fehler gemacht werden dürfen. Denn - wir haben es immer wieder gehört und manchmal wohl auch selbst erfahren:


Aus Fehlern lernen wir.

Und meistens lernen wir nicht, dass wir weniger wertvoll, weniger liebenswert, weniger attraktiv oder weniger begehrenswert sind, wenn wir Fehler machen. Wir lernen lediglich, dass wir nicht perfekt sind. Und fast immer lernen wir uns selbst dabei besser kennen. Wir lernen vielleicht, dass wir gewisse Erwartungen gar nicht erfüllen wollen, weil sie nicht zu unserer Lebenseinstellung, unserer Überzeugung oder unseren Vorstellungen passen. Oder dass wir uns selbst falsch eingeschätzt, vielleicht überschätzt haben. Oder, vor allem dann, wenn uns derselbe Fehler öfter passiert, dass wir etwas gar nicht lernen wollen. Und wir lernen immer auch etwas über unsere Mitmenschen. Über deren Beziehung zu Fehlern, zu Perfektion, über deren Erwartungen und Einstellungen. Es lohnt sich, wenn wir unsere eigene Beziehung zu Fehlern untersuchen.


Fehler sind negativ bewertete Erfahrungen.

Abgesehen von objektiv messbaren Fehlern in der Naturwissenschaft sind alle anderen Fehler nichts anderes als Erfahrungen, die wir negativ bewerten. Sei es, dass wir uns einem Freund gegenüber auf eine Weise verhalten haben, die uns oder ihm nicht gut getan hat, oder dass wir eine Entscheidung getroffen haben, die wir im Nachhinein negativ bewerten. Die Bewertung wiederum erfolgt aufgrund von Erwartungen, seien es eigene oder externe von Freunden, Familie oder Gesellschaft.


Verhalten oder Entscheidungen, die Erwartungen enttäuschen, werden in der Regel per se als Fehler bewertet.

Manchmal gelingt in der näheren Auseinandersetzung ein Perspektivenwechsel, der eine andere Beurteilung ermöglicht, bspw. dann, wenn wir durch Nachfragen die Hintergründe für ein bestimmtes Verhalten erfahren. Viel entspannter wäre es, wenn wir von Anfang an weniger Erwartungen hätten. Wenn wir offen sind für andere Menschen mit ihren persönlichen Entscheidungen, für Situationen, mit denen wir plötzlich konfrontiert werden, wenn wir offen sind fürs Leben in all seinen Variationen und mit all seinen Facetten, dann unterliegen wir weniger der Versuchung, bewerten zu müssen. Und damit werden wir automatisch weniger mit Fehlern konfrontiert, weil wir immer weniger unterscheiden zwischen richtig und falsch.


Ein erster Schritt hin zu einem positiven Umgang mit Fehlern wäre es folglich, weniger Erwartungen zu haben, sowohl an uns als auch an unsere Mitmenschen und unser Umfeld. Uns weniger an dem zu orientieren, was von aussen vorgegeben wird, sondern mehr auf das zu hören, was wir fühlen. Wenn wir intuitiv handeln, versuchen wir nicht, Erwartungen zu erfüllen und können damit aus unserer Wahrnehmung auch keine Fehler machen. Das entspannt ungemein, denn damit wird auch die Angst vor Fehlern überflüssig. Diese Angst, die soviel Energie bindet und Blockaden aufbaut. Wir lernen, unsere Erfahrungen anzunehmen, wie sie sich uns anbieten, ohne sie zu bewerten. Erfahrungen, die uns guttun, werden wir wiederholen, jene, die unangenehme Gefühle auslösen, werden wir künftig versuchen zu vermeiden. Der Lerneffekt ist dabei derselbe, wie wenn wir von Fehlern sprechen, aber die Haltung ist eine andere, eine entspanntere und ja, letztlich eine gesündere.

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