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Welchen Wert hat Elternsein?

  • Corina Lendfers
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Elternsein
Elternsein

Welchen Wert hat Elternsein in unserer Gesellschaft, die auf (Selbst-)Optimierung, Perfektionierung, Zielorientierung und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist? Wir sind im kapitalistischen System aufgewachsen, wurden und werden von einer kapitalistischen Grundorientierung geprägt, derer wir uns nicht entziehen können. Was bedeutet das fürs Elternsein?


Der Wert eines (materiellen oder immateriellen) Produkts bestimmt sich durch den Marktpreis – das können wir gut finden oder auch nicht. Elternsein kommt durch die Geburt eines Kindes zustande, ist also ein immaterielles Produkt. Wie definiert sich sein Marktpreis? Durch die staatlichen Kinderzulagen? Durch die Abzüge, die wir in der Steuererklärung geltend machen können?


Die Frage mag auf den ersten Blick obsolet sein, schließlich dürfte kaum ein Elternpaar Kinder zeugen, um ein Produkt auf den Markt zu bringen, also um damit Geld zu verdienen. Elternsein ist üblicherweise nichts, für das man sich um seiner selbst Willen entscheidet. Man kann sich für ein Kind entscheiden und bekommt das Elternsein mitgeliefert, gemeinsam mit einem neuen Job, für den man sich weder beworben noch die entsprechende Ausbildung dafür erworben hat: Mutter resp. Vater. Auch hier: Den Job hat man einfach so bekommen, fast ohne Anstrengung und kostenlos. Auch hier:


Woran misst sich der Wert der Arbeit, die wir als Eltern leisten?

Am Einkommen, das wir dadurch erzielen?


Wenn wir den Wert von Elternsein und dem Mutter-/Vaterjob am monetären Outcome messen, dann ist beides schlichtweg wertlos. Und warum sollten wir hier anders bewerten als bei allem anderen, was wir tun? Warum sollten wir den Job als Mutter und Vater nicht gleichwertig betrachten wie jeden anderen Job auch? Nur deshalb nicht, weil es keine Ausbildung, keine Qualifikation dafür gibt - warum eigentlich nicht? Wir bilden alles aus, bis hin zur Putzkraft, aber beim wichtigsten Job überhaupt versagt das Ausbildungssystem grenzüberschreitend. Wir können heute gar nicht mehr anders, als das Elternsein zu bewerten.


Die Politik versucht uns einzureden, dass Elternarbeit wertvoll sei – und bezahlt Kinderzulagen, die weit unter jedem Mindestlohn liegen, obwohl der Job ausnahmslos härter ist als jeder andere. Das ist keine Wertschätzung des Elternseins, das ist blanker Hohn.


Was macht das mit den Eltern?

Wer für seine Arbeit keine entsprechende monetäre Entschädigung erhält, entwickelt früher oder später psychische Probleme, v.a. in Bezug auf den Selbstwert. Das ist auf dem Arbeitsmarkt keine neue Erkenntnis, wird im Zusammenhang mit Elternsein aber meisterhaft ignoriert. Um diesem Problem auszuweichen, beginnen viele Eltern so rasch wie möglich nach der Geburt ihrer Kinder wieder zu arbeiten, selbst wenn sie sich eine längere berufliche Auszeit finanziell leisten könnten. Typische Begründungen sind dann: „Ich brauche meinen Job, ich könnte nie nur zuhause sein, das wäre mir viel zu langweilig.“ „Der Job ist mein Ausgleich zu den Kindern.“ Das ist legitim, solange es auch wirklich so empfunden wird. Ich vermute aber, dass bei den meisten Eltern wesentlich mehr mitspielt – v.a. die Angst, mit der (temporären) Aufgabe des Berufes gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren. Diese Angst sitzt tief, ist Zugehörigkeit doch eines der Grundbedürfnisse des Menschen.


Mit Elternsein allein lässt sich keine gesellschaftliche Anerkennung verdienen.

Dabei gibt es kaum einen Job mit einem größeren Potential der Persönlichkeitsentwicklung als Elternsein. Ich habe mich durch die Geburten und die Begleitung meiner Kinder stärker und nachhaltiger entwickelt als durch jede Ausbildung und jeden anderen Job. Kinder aktivieren meine Empathie, fordern mich auf, authentisch zu sein und Toleranz zu entwickeln. Sie bringen mich an meine Grenzen und halten mich dazu an, Wege zu finden, um sie auszudehnen. Sie trainieren mein Durchhaltevermögen und meine Stressresilienz und konfrontieren mich immer wieder aufs Neue mit der Frage: Wer bin ich wirklich? Wie sehe ich die Welt? Was ist mir wichtig?


Empathie, Authentizität, Toleranz, Stressresilienz, Durchhaltevermögen, Selbstreflexion.

Alles Begriffe, die in der beruflichen (Weiter)Bildung unermüdlich bemüht werden. Die in teuren Kursen trainiert und hoch gepriesen werden. Würde man ernsthaft Geld in die Finanzierung des Elternseins investieren, entstünde eine Win-Win-Win-Situation: Ein Arbeitsmarkt, der sich wieder stärker auf die Vermittlung jobspezifischer Fertigkeiten sowie die Entwicklung zukunftsfähiger Berufe konzentrieren könnte, mehr Kinder, die im geschützten Rahmen der Familie aufwachsen könnten und entspanntere, gestärkte Eltern. Nicht, weil mehr Eltern zuhause bleiben würden, weil sie es sich finanziell leisten könnten. Sondern, weil sie für ihr Elternsein eine Wertschätzung erfahren würden, die im Einklang mit unserer kapitalistischen Prägung steht. Wenn Männer und Frauen die ersten Jahre des Elternseins als persönlichkeitsprägende Phase ihres Lebens verstehen und nutzen könnten, ohne in finanzielle Bedrängnis oder gesellschaftliche Wertlosigkeit zu geraten, würden sie danach mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gestärkt, psychisch gesund und motiviert ins Arbeitsleben zurückkehren können. Der gesamtgesellschaftliche Nutzen liegt auf der Hand.

 
 
 

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