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Kontrolle versus Vertrauen



Wir Menschen scheinen von Natur aus gerne zu kontrollieren. Das können wir bereits bei kleinen Kindern beobachten. Sie unterbrechen ihr Spiel und kontrollieren, ob Mama oder Papa noch da sind, ob die Kaugummis noch in ihrem Versteck sind oder ob der Bruder ja nicht das Lieblingsstofftier versteckt hat. Später kontrollieren wir regelmäßig den Nachrichteneingang auf dem Handy, die Gehaltsabrechnung, den Tankfüllstand unseres Autos, die Hausaufgaben der Kinder. Unzählige tägliche Tätigkeiten beschäftigen sich mit der Kontrolle von Dingen oder Aktivitäten, meistens ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. Warum tun wir das?


Kontrolle vermittelt uns ein Gefühl von Sicherheit.

Indem wir kontrollieren, sorgen wir dafür, dass etwas so ist oder wird, wie wir es möchten. Kontrolle ist damit ein Instrument, das wir verwenden, um unseren Willen durchzusetzen. Zahlreiche Alltagstätigkeiten erfordern ein gewisses Maß an Kontrolle, damit der Alltag funktioniert. Der Kühlschrankinhalt, die Tankanzeige, die Anzahl sauberer Kleidungsstücke im Kleiderschrank, die Uhrzeit usw. All das muss regelmäßig kontrolliert werden, wenn wir nicht in Stresssituationen geraten wollen. Darüber hinaus vermittelt uns Kontrolle aber auch ein Gefühl von Sicherheit. Wir fühlen uns sicher, wenn wir abends kontrolliert haben, dass die Haustüre abgeschlossen ist, wenn die Teenager um 22.00 Uhr zuhause sind oder die Ärztin unseren Gesundheitszustand in der Routineuntersuchung kontrolliert hat.


"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Kaum ein Erwachsener, der diesen Satz nicht im Laufe seines Lebens zu hören bekommen hat. Viele von uns haben ihn unbewusst so sehr verinnerlicht, dass sie sich nur dann sicher fühlen, wenn sie buchstäblich "alles unter Kontrolle" haben: die Kinder, die Hausaufgaben der Kinder, die Essgewohnheiten des Partners, die eigenen Gefühle. Spätestens dann, wenn die Kinder in die Pubertät kommen, merken die meisten, dass Kontrolle eben doch nicht alles ist. Denn überall dort, wo Kontrolle Entwicklung behindert oder verhindert, entstehen Widerstand, Krankheiten oder Parallelwelten, im gesellschaftlichen wie im familiären Kontext. Die kontrollierte Planwirtschaft der Sowjetunion führte zu einer florierenden Schattenwirtschaft, der kontrollierte Teenager rebelliert gegen die Eltern oder flüchtet sich in Heimlichkeiten, die kontrollierten Gefühle suchen Entlastung in chronischen Krankheiten.


Sicherheit durch Kontrolle ist eine Illusion.

Das spüren wir in den beiden großen gesellschaftlichen Krisen der Gegenwart, der Covid-Pandemie und dem Ukrainekrieg, gerade sehr deutlich. Häufig führt Kontrollverlust zu Angst und Panikreaktionen. Die Hamsterkäufe in zahlreichen Ländern zu Beginn sowohl der Pandemie wie auch des Krieges sind klare Panikreaktionen. Wenn sich unser Umfeld zu rasch verändert und wir dadurch die Orientierung verlieren, suchen wir verzweifelt nach etwas, das wir trotz allem noch kontrollieren können. Und sei es nur die Menge an Nahrungsmitteln in unserem Vorratsschrank oder an Diesel in unserem Autotank. Früher oder später merken wir dann aber, dass uns weder das eine noch das andere unser emotionales Gleichgewicht und damit unsere Sicherheit zurückgibt. Was könnten wir stattdessen tun?


Eine gesunde Portion Vertrauen ist besser als zuviel Kontrolle.

Ich habe es oben ausgeführt: Ohne ein gewisses Maß an Kontrolle im Alltag wird es anstrengend. Wenn wir jedoch echte (innere) Sicherheit wollen, kommen wir am Vertrauen nicht vorbei. Wenn das Kleinkind durch Erfahrung gelernt hat, dass Papa oder Mama nie fortgehen, ohne es mitzunehmen, braucht es sein Spiel nicht zu unterbrechen, um die Anwesenheit der Eltern zu kontrollieren. Es vertraut auf seine Eltern und fühlt sich sicher. Ein Teenager, der mit dem Vertrauen seiner Eltern aufgewachsen ist, wird sich auch in kritischen Situationen zu helfen wissen, weil durch das Vertrauen der Eltern sein Selbstvertrauen wachsen konnte. Schwieriger wird es, wenn wir bereits erwachsen sind und uns Vertrauen fehlt, denn es lässt sich weder kaufen noch gedanklich herbeiführen, sondern muss wachsen. Und das braucht Zeit und Übung.


Vertrauen bedeutet Loslassen.

Indem wir vertrauen, hören wir auf zu kontrollieren. Dabei gehen Vertrauen und Loslassen Hand in Hand. Wenn ich die Hand meines Kleinkindes loslasse, vertraue ich darauf, dass es ohne mich weiterlaufen kann. Loslassen kann man trainieren, ich habe darüber in einem anderen Blogartikel geschrieben. Auch die eigene Fähigkeit, zu Vertrauen, kann man fördern. Am besten trainiert man das, indem man ganz bewusst Kontrolle aufgibt. Das kann in ganz kleinen Schritten geschehen. Wenn ich bisher immer die Hausaufgaben der Kinder kontrolliert habe, kann ich mit ihnen abmachen, dass ich das künftig nur noch dann machen werde, wenn sie mich darum bitten. Damit gebe ich Kontrolle auf und trainiere mein Vertrauen in die Eigenverantwortung der Kinder. Oder ich sammle nicht mehr täglich die Schmutzwäsche meiner Familie ein, um sie zu waschen, sondern kommuniziere klar, dass ich nur noch wasche, was sich im Wäschekorb befindet. Ich gebe Kontrolle ab und baue Vertrauen auf. In beiden Fällen kann es in einer ersten Phase zu vermehrtem Stress bei den Familienmitgliedern und dadurch auch bei mir selbst führen, langfristig werden jedoch Eigenverantwortung und Vertrauen gestärkt. Auch wenn es kleine Schritte sind: Je mehr Kontrolle ich abgebe, desto größer wird mein Vertrauen - in mein Umfeld wie in mich selbst.


Je größer mein Vertrauen ist, desto robuster bin ich, wenn die Welt um mich herum Kopf steht.
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